Vega stehen für Gothic Metal mit Brüchen, rhythmisch vertrackten Breaks und nackenbrecherischen Riffs, aber auch gefühlvolle Balladen mit Frauengesang und Keyboards, die sehr stark in den 80ern verankert sind. Nach ihrem Debüt-Auftritt im Dortmunder TNT lieferten sie gleich als 2. Gig eine Sensation im Hagener Kultopia ab: Ein Konzert, das für eine Band, die gerade ihren 2. Auftritt absolviert, absolut unglaublich war. Trotz aller Unsicherheiten auf der Bühne (umgefallene Mikro-Stative, nervöse Ansagen) war dieses Konzert hoffentlich der Startpunkt. Die Mühe und musikalische Qualität wurden auch gleich belohnt: Vega konnten im Januar das Cold Winter Fest eröffnen, obwohl sie dort an der falschen Spielposition waren. Der Gothic – Tag war einfach nicht hart genug für sie, und als Opener waren sie nach einhelliger Meinung der leider nur wenigen Anwesenden falsch. Aber es geht ja weiter, und das Cold Winter Fest hat uns immerhin ihr Demo „Scarecrow“ beschert, ein Demo, das trotz der sicherlich vorhandenen technischen Unzulänglichkeiten Hunger auf mehr macht.

Grund genug, ihnen einen Platz auf dem Midnightheart – Portal anzubieten.

Eines spätwinterlichen Abends machte ich mich also auf nach Dortmund, die wahrscheinlich unübersichtlichste Stadt des Universums, um den Vega-Probenraum zu suchen. Nach der üblichen, etwa 6-stündigen Parkplatzsuche in der Dortmunder Innenstadt empfing mich ein sehr gemütlicher, für meine Verhältnisse sehr aufgeräumter Probenraum mit Sesseln und einer Aufnahme-Gerätschaft, die so manchen Heim-Produzenten neidisch machen würde. Ein sehr entspanntes, fast 3-stündiges Gespräch folgte, das ich im Folgenden zusammenfassen möchte.

Lassen wir zuerst die Band sich vorstellen:

„Ich bin Annika, bin seit etwa 1 Jahr bei Vega die Sängerin und 22 Jahre alt“.

„Ich bin Sarah, und bin... ähm, Moment... 24 Jahre alt. Ich habe erst 2 Proben mit Vega gehabt und bin die neue Keyboarderin“

„Ja, ich  bin der Lasse, ne?“ (Gelächter). „Ich war bisher der Keyboarder und nun 2. Gitarrist, bin 24 Jahre alt und gebe weiter an den Till“

„Na, und ich bin Till, 22 Jahre alt und spiele Schlagzeug“

„Ich bin Stefan, 24 Jahre alt und schwing die Klampfe und bin der, mit dem das alles angefangen hat hier“

Bassist Røder ist nicht anwesend, Stefan erzählt über ihn:

„Der Røder ist schon ein bißchen älter, ich schätze so 27 (Anm.: Røder ist 1977 geboren, also 29 Jahre alt) und komplettiert unsere Rhythmus-Section als Tier an den fünf Saiten“

Meine Frage nach der Geschichte von Vega löste eine Flut von Namen und einige Diskussionen um Zeiträume und Abläufe aus, so dass ich hier kurz zusammenfasse:

Vega wurde im Dezember 2003 von Stefan und dem ersten Gitarristen Tobi gegründet. Kurze Zeit später stiess Røder dazu, dann Lasse sowie diverse Schlagzeuger, bis Till gefunden wurde. Als letztes stiess Enne als Sänger dazu, der dann leider die Band aus beruflichen Gründen verlassen musste.

 

Stefan: „Die Suche nach einem „Lückenbüsser“ liess uns dann Annika finden. Lückenbüsser deshalb weil wir davon ausgegangen waren, das Enne noch mal wiederkommt und die ursprüngliche Idee war, männlichen und weiblichen Gesang zu kombinieren. Aber Enne kam nicht zurück und Annika erwies sich als so gut, das wir beschlossen, in dieser Formation zu spielen.“

So wurde also nun geprobt, einige bereits geschriebene Stücke an den weiblichen Gesang angepasst aber auch viel neues geschrieben. Dabei wurde immer deutlicher, wie unterschiedlich die musikalischen Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder sind.

Till: „Der Røder und ich wir sind eigentlich so Proggies und wir versuchen immer so ein bißchen davon hier mit einzubringen, nicht so viel, damit es die anderen nicht stört, aber so viel, dass wir auch was davon haben.“

Was natürlich den Effekt hat, dass die Headbanger bei einigen Vega-Stücken so ihre Probleme haben werden. Aber:

Till: „Das finden wir gerade gut“

Stefan: „Der Rest der Band auch!“

Annika: „Eigentlich ist das hier so ein Schmelztiegel. Jeder hat seinen Musikgeschmack, und der ist völlig anders als der der anderen. Sarah kommt aus der Gothic-Ecke, (Widerspruch von Sarah, Gelächter und Durcheinander, Annika kommt aus dem Konzept) Na, wie auch immer, jeder hat seinen Geschmack, jeder bringt ihn ein und deshalb klingt jeder Song eigentlich anders.“

Lasse: „Wir dachten anfangs, dass sich das irgendwann legen wird, dass wir unseren Stil finden werden, aber inzwischen haben wir uns damit abgefunden, dass der Stil von Song zu Song ein bißchen wechseln wird“

Stefan: „Das macht alles ein bißchen interessanter, weil einfach für jeden was dabei ist.“

Die Hoffnung, den eigenen Stil zu finden mündete also in etwas, was man stilistisch vielleicht nicht mehr so recht einordnen kann. Harte Bang-Passagen, eher melancholische Stücke, Grooves, die in die Beine und Nackenmuskeln gehen werden sehr krass unterbrochen von Breaks, die nicht vorhersagbar sind, sich von Mal zu Mal verändern und dann wieder scheinbar nahtlos in den Groove zurückfinden.

Lasse: „Wir haben uns halt damit abgefunden und machen das beste draus. Aber da wird sich sicher auch noch einiges ändern. Ich möchte es noch ein bißchen fetter und tiefer haben, was auch der Grund ist, weshalb ich an die Gitarre gewechselt bin. Und jetzt, wo wir auch eine kompetente Keyboarderin haben (Sarah: 'Das muss sich noch zeigen') wird sich da sicher noch einiges ändern“

Das Personal-Karussell dreht sich also bei Vega. Neben Lasses Wechsel vom Keyboard an die Gitarre und Sarahs Einstieg als Keyboarderin wird Bassist Røder aus beruflichen Gründen über Kurz oder Lang die Band verlassen. Derzeit läuft die Suche nach einem Nachfolger auf Hochtouren.

Stefan: „Wir sind darüber sehr traurig, denn so einen Ausnahme-Basser findet man ganz selten. Aber wir müssen uns leider damit abfinden. Ich finds auch in Ordnung, wie er es verpackt hat, weil es einfach nur fair ist, aber dementsprechend müssen wir halt einen neuen Bassisten besetzen.“

Annika: „Ja, und das ist wichtig, weil der Druck steigt. Im Sommer steht das Metal Camp an, und da brauchen wir definitiv einen Basser.“

Ja, das ist die nächste Neuigkeit. Vega werden auf dem Metal Camp in Slowenien auf der Talentbühne spielen. Das ist sicherlich eine sehr schöne Würdigung ihrer bisherigen Arbeit, macht sie aber natürlich auch nervös.

Sarah: „Das ist mein definitiv allererster Auftritt mit der Band, und dann gleich vor so einem hoffentlich grossen Publikum... Wenn ich da so dran denke... Aber wir planen zumindest vorher noch so einen oder zwei kleine Auftritte, damit ich so ein bißchen reinkomme.“

Was natürlich Anlass zur Frage nach dem Hintergrund der einzelnen Leute war:

Annika: „Ich komme von Eden's Crying und habe mit denen natürlich schon ein bißchen Bühnen-Erfahrung gesammelt.“

Lasse: „Ich habe vorher bei Taste of Nowhere gespielt, die sich leider aufgelöst haben, hab mit denen auch eine CD aufgenommen und wir hatten auch so einige Auftritte“

Till: „Ich habe früher in einer Punk-Band gespielt. (Lachen in der Runde)“

Stefan: „Ich bin, was Bands angeht, die auch live auftreten, ziemlich unbeleckt, Vega ist meine erste Band. Ich hab vorher bei diversen Projekten gespielt, aber das hat sich alles im Sande verlaufen“.

Meine Frage nach der Arbeitsweise in der Band provoziert eine längere Diskussion. Das Fazit ist: Die Stücke entstehen sehr unterschiedlich. Mal kommt jemand mit einem fertigen Stück und es wird gemeinsam erarbeitet, mal existieren verschiedene Versatzstücke, die dann zusammengefasst werden, mal ist zuerst der Text da und wird regelrecht vertont. Dadurch entstehen natürlich auch die teilweise recht unterschiedlichen sachen.

Stefan: „Diese unterschiedlichen Einflüsse sind das, was Vega für mich so spannend macht: viele verschiedene Einflüsse kommen zusammen und ergeben etwas zusammenhängendes“

Die Frage nach dem Anspruch der Band lässt natürlich erst mal wieder Gelächter aufkommen. Die erste Antwort ist, dass sie Spass an der Musik haben. Lasse relativiert das aber wieder: Für den Erfolg von Vega würde er einiges tun. Die anderen nicken zustimmend.

Annika: „Wir sind natürlich geschmeichelt, wenn Leuten das, was wir machen, gefällt. Und wir fühlen uns natürlich geschmeichelt, wenn uns jemand vom Metal Camp haben will“

Lasse: „Ausserdem wäre es gelogen, wenn eine Underground – Band sagen würde wir würden nicht auf einem solchen Festival spielen, weil wir es ja nur für uns machen. Das sind Annehmlichekeiten, die man gerne mitnimmt, aber wir pochen nicht drauf. Wenn man die Möglichkeit hat, viele Leute zu erreichen, dann macht man das auch. Aber es ist auch kein absolutes muss.“

Midnightheart: „Ich komme noch mal auf  Røders Ausstieg zurück...“

Annika: „Ich glaube, Røder war das alles zu viel. Es ist so, dass er die vielen Auftritte nicht mitmachen kann und will. Er wollte uns nicht im Weg stehen, wenn wir nach vorn wollen und er zurück bleiben will“

Stefan: „Ich finde seine Intention sehr fair. Er sagt, das was wir machen kann was werden, aber er könnte es bremsen. Nicht musikalisch, sondern vom Aufwand her. Er kann halt nicht jede Woche einen Gig spielen, weder beruflich noch privat.“

Das Thema Erfolg ist etwas, das Vega selbst noch nicht so wirklich verstehen. Ihr Demo Scarecrow ist mit einer Auflage von 100 Stück gepresst worden, die inzwischen so weit ausverkauft ist, dass eine Neuauflage (oder neue Aufnahmen) in Betracht gezogen werden. Zum Demo soll hier nicht mehr viel stehen, dazu gibt es eine Rezension an anderer Stelle hier auf Midnightheart. Und das, obwohl die Band eigentlich nicht sehr zufrieden mit „Scarecrow“ war.

Annika: „Die Produktion ist ziemlich übers Knie gebrochen gewesen. Wir haben uns spontan entschlossen wir nehmen das jetzt auf und haben dann innerhalb kürzester Zeit die 4 Tracks eingspielt“

Till: „Røder und ich haben alles an einem Tag, innerhalb von 4 Stunden eingespielt“

Stefan: „Wir hatten uns die Deadline Cold Winter Fest gesetzt und dementsprechend ist das ganze, gerade was das Schlagzeug angeht, ein bißchen übers Knie gebrochen gewesen. Für ein Demo ist das ganze meiner Meinung nach aber ganz ordentlich“

Lasse: „Wir hatten halt andere Ziele anfangs“

Stefan : „Eben. Wir wollten den Leuten zeigen, was wir für eine Musik machen, und dafür ist das Demo eigentlich ok. Trotzdem geht's besser:“

Aber die Unzufriedenheit hat natürlich auch was gutes: Vega planen, im Spätherbst ins Studio zu gehen und auf professionellerer Basis mehr aufzunehmen. Bisher gibt es zwar noch keine konkreten Angebote, aber die Absicht ist da, und wenn sich bis dahin noch jemand meldet, der das ganze produzieren möchte, dann freut sich die Band natürlich.

 

Die völlig verschnupfte Sarah musste gegen Ende unseres Treffens noch einmal herhalten.

Sarah: „Ich komm aus Herten, spiele seit 2001 in einer Band, allerdings in einer vollkommen anderen Richtung, eher Akustik-Rock-Sachen. Ich habe Annika an der Uni kennengelernt und Vega zum ersten Mal beim Cold Winter Fest gehört. Kurz danach hat sie mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, das Keyboard zu übernehmen, und wiederum kurze Zeit später hatte ich meine erste Probe. Musikalisch und menschlich wird das alles aber noch zusammenwachsen müssen.

Midnightheart: „Wird sich der Keyboard-Sound ändern?“

Sarah: „Da ich auch die 80er Sounds sehr mag, denke ich, dass sich da nicht allzu viel ändern wird. Im Moment sind wir aber ja erst mal dabei, das bestehende Programm zu spielen, richtig spannend wird es werden, wenn wir neues Material schreiben. Ich kenne die ganze Bandbreite von Vega noch nicht, ich habe sie erst ein mal live gesehen und zwei oder drei Proben mitgemacht. Wenn meine eigene Kreativität gefragt ist, dann wird sich alles weitere zeigen. Ich fühl mich sehr wohl in der Band, bin sehr herzlich aufgenommen worden, Lasse hat mir sehr geduldig alles gezeigt bisher, ist nicht ausgerastet (lacht)“.

Zum Abschluss des wirklich netten und lustigen Treffens kam das Thema Auftritte und neues Material noch einmal zur Sprache. Wegen der vielen Auftritte und wegen des Lineup-Wechsels im Moment sind Vega leider nicht so viel zum Komponieren gekommen wie sie das eigentlich wollten. Aber das soll sich in nächster Zeit ändern. Wir sind sehr gespannt!

28.03.06 von Jochen